Mir gefällt das Wort an sich ja schon nicht. Muss es ja auch nicht, denn es ist mir schnurzepiepsegal, ob das, was mir gefällt, Mainstream ist oder sonstwas. Ja, ich bin so. Es ist mir wirklich schnuppe.
In der Grundschule schon war ich keins dieser Mädchen, denen Puppen und Kleidchen wichtig waren, lange Haare und Prinzessinnenoutfits. Klar, wenn ich mal wollte, dann verkleidete ich mich als Prinzessin zu Karneval. Aber es war für mich kein Lebensinhalt oder eine Orientierung.
Ich eiferte keinen anderen Mädchen nach, wenn sie irgendwas toll fanden und wollte es dann auch haben. Irgendwann wollte ich mal eine “Pipipuppe”, so eine, die das, was man oben mit der Flasche gab, unten wieder rausfluppte. Ich bekam eine Jungenpuppe und wickelte ein paar Wochen fließig. Dann kam sie in die Ecke und meine Mutter bekam meinen kleinen Bruder. Den wickelte ich dann auch fleißig – und in der Ecke landete er nie.
Meine Freundinnen fanden meinen kleinen Bruder sooo süß und nahmen ihn so gern mit zum Aufpassen. Ich fand das schlimm, denn auf Bäume klettern und auf den Bruder aufpassen ging nicht. Also pfiff ich auf die Freundinnen (die dann zuhause mit ihm spielten) und ging mit den Jungs auf Bäume klettern.
In der Schule gehörte ich nie zu den Mädchen, die gesteigerten Wert auf die neuesten Trends legten. Manche Sachen gefielen mir (und manches davon bekam ich auch, wie zum Beispiel einen unglaublich neonfarbenen pinken Winterblouson – ja, der war in den 80er sehr modern) und manche fand ich furchtbar. Ich hatte nie eine Dauerwelle, fand Nagellack doof und MC Hammer noch mehr.
Die Dirty Dancing-Welle bekam ich zwar mit, guckte den Film aber erst sehr viel später, weil er mich in seinen Hochzeiten im Kino schlichtweg nicht interessierte. Dann kamen Kylie Minogue, Rick Astley und Jason Donovan und ich fand Depeche Mode und The Cure toll. Dann eine kurze Phase mit den Kinks, Stones und anderen Größen dieser Zeit (mit dem entsprechenden Schluderoutfit in Schlabberpullis, Jeans und Doc Martens, dazu Palituch und Schal), die zu Gunsten von Soullegenden und Skagruppen weichen mussten.
Während die meisten in meinem Umfeld sich in Popper oder Hippies zu verwandeln, kam bei mir die Zeit der gepflegten Erscheinung und ich wurde eine Anhängerin dieser Subkultur. Vor allem der Musik und der Mode. Nicht der anderen Anhänger, die plötzlich vermehrt auftraten. Immer mehr Mods und Skins erschienen auf der Bühne und alle hörten Soul und Ska und machten die Mode und Musik, die ich liebte (und auch heute noch liebe) zu einer Modeerscheinung.
Also erweiterte ich meinen musikalischen Horizont und addierte zu meinen Klassikern noch die gute Rockmusik, die ich ebenso schätze. Für viele war ich dadurch eine Persona non grata, schließlich grenzte ich mich nicht ab, sondern war “nicht authentisch”. Und so kämpfte ich eine Zeit lang für meine Musik und gegen das Gejaule der Menge, bis ich abwinkte und lieber meinen eigenen Weg ging, auf dem ich mich nicht rechtfertigen, sondern weiter das machen konnte, was ich wollte: mich anziehe, wie es mir gefiel und die Sachen hören, die ich mochte. Wann ich es mochte.
In dieser Zeit lernte ich, dass Subkulturen und Mainstream etwas gemeinsam haben: sie sind intolerant. Und ich lernte, dass nichts so wichtig ist, wie sein eigener Weg. Egal, ob sich das im Musikgeschmack äußert oder in seiner eigenen Meinung, die man nach außen trägt.
Egal, was das Umfeld sagt, man sollte mit sich im Reinen sein – nicht mit den anderen.
Und das merke ich auch heute noch in vielen, kleinen Bereichen. Zum Beispiel, wenn das Umfeld merkwürdig reagiert, wenn man seine Meinung äußert, die nicht konform mit der Masse ist. Oder wenn man es wagt, zu hinterfragen. Sogar sich selbst.
Wenn man nach seinen Prinzipien handelt, nicht nach der Richtung, die das Geld bestimmt oder der Mann, der im Dorf den meisten Einfluss hat. Wenn einem wichtiger ist, sich selbst noch in den Spiegel schauen zu können, als sich beliebt zu machen.
Manchmal überlege ich mir, ob das Leben einfacher wäre, wenn ich die Dinge toll fände, die viele toll finden. Wenn mich andere Sachen interessieren würden (die mir oft einfach am Arsch vorbei gehen) oder ich “mehr Mainstream” wäre oder “Mainstream” denken würde. Ob ich dann mehr Blogleser hätte, wenn ich weniger lästern und mehr Nettigkeiten und Alltagstrott erzählen würde.
Wenn ich die Desperate Housewives gut fände und die Supernanny. Wenn ich Kinder haben wollte, statt kinderlos bleiben zu wollen. Wenn ich mich jeden Abend mit Freunden treffen wollte, statt lieber meine Ruhe zu haben. Wenn mir wichtig wäre, ein Darling zu sein und bei allen beliebt, statt meine oft unbequeme Meinung kund zu tun (aber dadurch sicher sein kann, dass die, die bleiben, echte Freunde sind).
Ja, ich glaube, das Leben wäre bequemer. Aber nicht meins.
Und so höre ich weiter Musik, die mir gefällt, trage Klamotten nicht nach der Mode, sondern nach Gefallen und sage und schreibe das, was ich für richtig halte – auch auf die Gefahr hin, dass das dem ein oder anderen nicht schmeckt. Aber dafür bin ich ich.




6 comments
Comments feed for this article
28 Oktober 2007 um 2:29 Uhr nachmittags
Mainstream « A minor Point of View
[...] 28 10 2007 Gerade lese ich diesen sehr schönen Eintrag von Wortteufel, falle ich doch schon wieder in [...]
28 Oktober 2007 um 5:37 Uhr nachmittags
phrixuscoyote
Dem bliebe dann nichts hinzuzufügen.
28 Oktober 2007 um 7:05 Uhr nachmittags
wortteufel
Och, eigentlich noch eine ganze Menge. Aber das kommt dann mal später…
29 Oktober 2007 um 10:16 Uhr vormittags
amidelanuit
hört sich an, als würdest du mein leben beschreiben….sehr treffend.
29 Oktober 2007 um 10:51 Uhr vormittags
wortteufel
Schön zu lesen, dass es vielen so geht.
30 Oktober 2007 um 12:29 Uhr nachmittags
Die Ehefrau und der Mainstream « Das Leben der Ehefrau
[...] von ehefrau am 30. Oktober 2007 Unsere Mitbloggerin Wortteufel hat sich hier sehr gesellschaftskritisch über Modeerscheinungen, Modeanbeter und Modeverweigerer [...]