Drei Wochen wusste ich, dass die OP bevorstand. Vor drei Wochen säuselte mir die Dame aus der Gynpraxis zärtlich den Termin ins Ohr mit dem Hinweis, dass ich am Mittwoch vor Ostern meine Einweisungspapiere bei ihnen abzuholen habe. In meinen Ohren klang das nach einer Einweisung in die Geschlossene – oder wahlweise die berühmten schwedischen Gardinen. Gehen Sie direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los. Ziehen Sie keine… Ach, ihr wisst schon.
Dann war Ostern und ich fühlte mich ein wenig wie das Opferlamm, als ich zu den Schwiegerleuten zum Essen ging am Sonntag. Die Schwiegerleute wussten ebensowenig vom bevorstehenden Schlachtfest, wie die meisten Menschen in meinem Umfeld. Ich wollte das alles irgendwie allein mit mir klar machen. Ich bin mir nicht sicher, ob einige von Euch das nachvollziehen können, aber manches klärt man intern. Man kann auf diese Mischung aus Mitleid und Erfahrungsberichten der Große-Zeh-OP vom Cousin dritten Grades der Nachbarin, bei der er fast gestorben wäre, gern verzichten.
Meine Schwiegerleute sind liebe Menschen. Und sie meinen es in ihrer unnachahmlichen Art und Weise nur gut. Aber ich weiß, dass ich das Thema dauerhaft hätte besprechen müssen – und ich war mit den Nerven kurz vor dem Abgrund und sowas hätte mich einen Schritt weitergestoßen.
Ich bin ein ängstlicher Mensch was Spritzen betrifft. Ich erwähnte das mal an anderer Stelle. Daher galt meine größte Angst auch nicht der Operation an sich, sondern dem Legen der Braunüle und den Thrombosespritzen danach. Ach, was sollte ich mich täuschen mit der Liste der Unannehmlichkeiten…
Sonntag also Lamm. Leider nicht so blutig, wie ich es gern esse und es dem Anlass entsprechend gewesen wäre. Aber die Rote Grütze zum Nachtisch machte das dann wett. Die Schwiemu gab dann noch aufgetaute Wurst mit. Hätte sie mal nicht. Denn diese zum Abendbrot brachte mich zur Anbetung des Klogottes über die Dauer der halben Nacht. Den Rest der Nacht zitterte ich vor mich hin.
Ostermontag hatte sich der Kreislauf dann mal verabschiedet und war wohl mit dem Wohlbefinden in den Keller gegangen, um eine Flasche Wein zu trinken. Jedenfalls war mir schwindelig für zwei und die Angst vor dem Dienstag tat ihr übriges.
Dienstag Untersuchung im Krankenhaus. Schwankend. Zitternd. Bleich. Kalter Schweiß auf der Stirn hielt aber den hyperaktiven Stationsblutsauger in Überlänge (der Typ sah aus wie eine Dachlatte: lang, dürre, uneben) nicht davon ab, mir gefühlte drei Liter meines Lebenssaftes zu entnehmen. Der Anästhesiearzt quittierte meine Angst mit dem Hinweis, mir eine etwas höhere Dosis der Beruhigungstorpedos vorweg zu geben am nächsten Morgen. Ja, dankeschön.
Am Mittwoch dann ging es ab ins Krankenhaus zur stationären Aufnahme. Meinem Wunsch nach einem Einzelzimmer wurde nachgekommen und dieser Luxus in der monetären Höhe eines einwöchigen Mallorca-3*-Urlaubs war die beste Entscheidung der folgenden Tage. Die zweitbeste war, das Medikamenten-Knock-Out so richtig auszukosten.
Ab in den Keller in den OP – warum nur liegen die OPs immer unten? Ist der Weg zur Anfahrtsrampe für die Leichenwagen da besser zu erreichen? – und von der Anästhesieschwester die Tränchen abgewischt bekommen. Der Anästhesist legte mir die Braunüle so vorsichtig, dass ich nicht mal den Pieks merkte. Vielleicht lag es aber auch schon an meiner grenzwertigen Gemütslage, die zwischen Benommenheit und Panikattacke hin- und herschwankte.
Operationssäle sehen übrigens in keiner Weise aus wie bei Dr. House oder sonstigen Arztserien, die im TV für Amüsemang sorgen. Nein. Sie sehen aus wie eine 50er-Jahre-Sanitäranstalt: hässlich gekachelt. Die Gerätschaften sehen eher nach den Hilfsmitteln in der Vertragswerkstatt unseres Autos aus. Inklusive Hebebühne.
Lange hatte ich aber nichts davon, denn kaum war ich drin, war ich weg, war ich wieder wach. Jedenfalls kam es mir so vor… Und wo wachte ich auf? Mitten in einer gemütlichen Männerklatschrunde. Ja, kein Witz: der Arzt im Aufwachraum hatte Besuch von einem anderen Arzt, der dort an dem Tag seinen letzten Tag hatte und nochmal auf einen Schwatz reingekommen war. Er saß also mir gegenüber an einem Tisch und unterhielt sich mit dem Typen, der mir regelmäßig erzählte, ich solle mal die Augen aufmachen oder mal tief einatmen. Wenn ich nicht so verdammt müde gewesen wäre und den Mund aufbekommen hätte…
So aber musste ich mir seine Erzählungen über die bevorstehende Facharztausbildung in epischer Breite anhören. Ebenso die Verabschiedung einer Schwester, die auch noch mal einfach so reinkam. Also entweder ist die Kantine für die Belegschaft echt ungemütlich oder der Aufwachraum hat eine magische Anziehungskraft. Ich war jedenfalls froh, endlich wieder aufs Zimmer zu kommen. Obwohl ich vom Transport herzlich wenig mitbekam.
Auf dem Zimmer dann der Wortteufelmann. Heute, sagt er mir, hätte ich mich sehr beklagt über die Schmerzen und überhaupt. Wahrscheinlich kam der Weltschmerz über mich. Und irgendwann die Nacht.
Zum Glück hielten die Nachwirkungen der Narkose noch an. Sonst hätte mich wohl das halbstündliche Blutdruck- und Pulsmessorgien fürchterlich aufgeregt. So aber war mir das herzlich worscht und nicht mal die Blutabnahme konnte mich am nächsten Tag noch tangieren…



3 comments
Comments feed for this article
30 März 2008 um 7:18
Bulgariana
Oja, da kann ich ein Lied davon singen. Ich hab sicher von meiner ersten und einzigen Operation bei der mir der Storch meine Tochter brachte (super Input!) einen Schaden gekriegt - dieser Keller! In der schönsten und teuersten Privatklinik in ganz Wien. Erstens Keller und zweitens Fliesen. Nicht einmal der Autopsieraum bei CSI sieht so fürchterlich aus.
30 März 2008 um 10:32
jette
Uuaah! Ich war zwischendurch auf dem Klo. Mir wird ja schon von Praxendüften komisch.
1 April 2008 um 5:17
Selbstbräuner « DüneSieben
[...] gerade in Namibia und trage schon die erste zarte Bräune stattdessen habe ich mich, ähnlich wie Frau Wortteufel, den Chirurgen hingegeben. Dem ist dieses Jahr nicht, meine Sommersprossen prangen auf bleicher [...]