Was soll aus einem Tag werden, der damit beginnt, dass die Kaffeemaschine entleert werden muss? Richtig. Nichts Gutes.

Mit Kopfschmerzen aufwachen ist schon eine Sache, die nicht zu meinen Top Ten der schönsten Morgenmomente gehört. Nicht mal auf der Top 100 ist dieser Zustand zu finden.

Also zwei Paracetamol geschluckt und weiter zur Kaffeemaschine geschlurft. Anschalten. Die Anzeige will mir nicht mein gewohntes Morgenbild schenken. Statt dessen prangert in Versalien dort “Bitte Kaffeesatzbehälter leeren”. Ich bekomme leichte Stimmungsschwankungen. Öffne die Maschine und leere den Behälter. Stelle meine Tasse darunter. Und? Wieder nicht das gewünschte Bild, sondern wieder die bitterbösen Lettern, die mir sagen “Wassertank füllen”.

Die leichten Stimmungsschwankungen bekommen Schlagseite in Richtung “Vorsicht sollte der walten lassen, der mir jetzt über den Fuß rollt”. Ich fülle den Tank auf. Meine geliebten Lettern erscheinen. Fast bin ich versöhnt, die Schlagseite lotet sich langsam wieder gen aufrecht ein und ich ziehe verkrampft meine Mundwinkel nach oben, um den Tag mit sowas wie einem Lächeln zu beginnen.

Es gelingt nur mäßig, wie ich in der Spiegelung der Kaffeemaschinenanzeige sehen kann. Eher erinnere ich mich an den Batman-Joker – und fühle mich auch ähnlich. Irgendwie. Oder bilde mir ein, dass sich jemand wie der Joker morgens auch so fühlen müsste, wenn er ungeschminkt und mit einer Fratze auf den ersten Morgenkaffee wartet.

Der läuft auch brav in meine Tasse und ich wende mich dem Rechner zu, um mich verspätet wieder auf den Kurs meines Morgenrituals hin zu bewegen. Mit dem Kaffee in der Hand Emails bearbeiten ist meine normalerweise zweite Amtshandlung des Tages.

Der Rechner startet, ich nehme erwartungsvoll einen ersten Schluck Kaffee – und möchte ihn direkt wieder ausspucken. Gerade rechtzeitig hindere ich mich selbst daran, dass auf meine Tastatur zu machen und wähle den Fußboden. Eine Pfütze mit hellbraunem Gebräu ziert den Boden, meine Füße sind leicht gesprenkelt. Ich bücke mich und sehe: kleine Flöckchen.

Die Milch war sauer. Ich schaue in meine Tasse, schiebe den (zugegebenermaßen) komisch aussehenden Milchschaum zur Seite und blicke in das pure Kaffeemassaker. Kleine Flöckchen schwimmen und planschen in meinem Kaffee. In meinem Kaffee. Man muss sich das vorstellen. Da feiern ein paar saure Flocken eine Poolparty in dem, was mich zum Leben erwecken sollte.

Ich gehe in die Küche. Das Adrenalin, das nach dem Flockenschock durch meine Adern pumpt, lässt mich sogar aufrecht laufen. Ansatzweise.

Milchbehälter ausspülen, neue Milch einfüllen. Kaffee machen. Alles läuft einwandfrei. Meine Mundwinkel bekommen jetzt den Doppel-Joker hin: beide gehen nach oben.

Der Rechner. Zurück zu ihm. Emaileingang öffnen. Emails abrufen. Emails abrufen! E-MAILS AB-RU-FEN!!!

Nichts. Gar nichts.

Der Internetcheck verheißt nichts Gutes: Seitenladefehler. Mein Browser schlägt mir vor meine Verbindung zum Internet zu prüfen. Mach ich. Ich starte alles neu. Rechner, Router. Alles. Nichts. Tot.

Ich mache das, was eine Frau in so einem Fall eigentlich nicht machen sollte – ich rufe einen Mann an. ;) Jedenfalls versuche ich es. Aus dem Hörer ein “krzshschhhhhhrzzzzkrrr” untermalt von einem Wählton, dann Besetztzeichen, dann wieder eine Displayansage: “Leitung unterbrochen”. Die Displays meiner Welt meinen es nicht gut mit mir.

Ich atme tief durch. Nehme einen Schluck von meinem kalten Kaffee. Und greife zum Handy. Das wenigstens funktioniert noch.

“Hier geht nichts mehr.” Sage ich mühsam beherrscht ins Handy. “Alles tot. Telefon, Internet.”
Schatz reagiert prompt. Er kennt mich. Er weiß, dass jeglicher Versuch der Konversation mit mir in dem Zustand, den meine Stimme ihm verheißt, sinnlos, ja lebensbedrohlich wäre.

“Ich rufe den Störungsdienst.” Auf den Mann ist Verlass.

Ich brühe mir einen neuen Kaffee und beschließe die Post reinzuholen. Briefkasten auf. Ein blauer Zettel. “Leider konnte Ihre Postsendung nicht zugestellt werden.” Ich bin irritiert. Ich war doch hier. Ich bin doch hier, ich war nicht weg. Klingeltest. Funktioniert.

Mit einem Puls, der dem Aetna zur Ehre gereicht hätte, stürme ich nach oben. Jedenfalls so schnell, wie mein Muskelkater es zulässt und stürze ans Telefon, um die Post anzurufen und mal so richtig Dampf abzulassen.

“Krrrzzzzzzzzchchchkkkrrrzzzz” tönt es mir entgegen.

Ich lasse mich aufs Sofa fallen. Das Handy klingelt.

“Die Störstelle sagt, sie haben da ein Sprachsignal.”
“Wie,” brülle ich. “Was für ein Sprachsignal?”
“Na, als ob jemand telefoniert. Und die Internetverbindung zeigt nur 40% an. Ich hab denen Deine Handynummer gegeben. Die melden sich.”

Ich bekomme Ausschlag. Ich habe keine verdammte Ahnung, wie sowas passieren kann. Aber mir kommen Visionen, in denen irgendwer unsere Leitung anzapft und auf unsere Kosten gerade Po.rno.s oder illegale Musikdateien aus dem Netz zieht und dabei noch fröhlich ein Schwätzchen mit seinem Schätzchen hält.

Raus aus dem Haus. Niemand zu sehen. Nirgendwo eine Menschenseele. Kein Fußweg aufgebrochen und keine Kabel angezapft. Eine ältere Dame kommt vorbei. Ich blicke sie mit dem bösesten Gesicht an, das ich ziehen kann. Meine Jokergrimasse hilft da sogar ein bisschen. Sie reißt die Augen auf, geht auf die andere Straßenseite. Ok, die ist es scheinbar auch nicht. Aber ich scheine böse gucken zu können. Misstrauisch blicke ich hoch zum Nachbarn… Ich würde es ihm zutrauen. Die Kenntnisse hätte er sicher auch.

Runter in den Keller. Die Leitungen sind alle ok. Keine Abzweigungen, keine offen liegenden Kabelenden. Alles läuft ordnungsgemäß in die Wand hinein.

Ich stampfe nach oben. Mein Blick fällt auf die blaue Karte.

“So.” Denke ich mir. “Sollense doch anrufen, die Störmäuse. Ich mach jetzt die Post platt.”

Rechner aus. Schuhe an. Runter zur Post. Eine Schlange vom Feinsten. Was auch sonst. Schon oft haben wir die Idee gehabt, wir könnten bei den Postschlangen ja Brezeln und Kalt-, bzw. im Winter Heißgetränke an den Wartenden bringen. Genug Zeit für eine Mahlzeit wäre auf jeden Fall. Und die Leute hätten was zu tun. Gescheitert ist die Idee daran, dass die meisten Menschen ja was tragen, wenn sie zur Post gehen. Da haben sie meist keine Hand frei, um noch eine Brezel und ein Getränk zu halten. Außerdem könnte es Probleme mit den Ladenbesitzern geben.

Wie dem auch sei. Ich stehe wutschnaubend in der Postschlange, mein Magen knurrt, ich wünsche mir einen Brezelmenschen herbei und lege mir schon die richtigen Worte für den Postalien da hinter dem Schalter zurecht, als ich mir die blaue Karte nochmal anschaue. “14. Juli” steh da drauf. Ich blicke zur Datumsanzeige an der Postuhr. 15. Juli. Oh. Ok. Äääh.

Ich bin ja ein eher ruhiger Mensch… Jaaa, bin ich. Und wenn ich mich mal aufrege, rege ich mich auch sehr schnell wieder ab. Vor allem, wenn ich keinen Grund dazu haben. Ok, höflicher werde ich deshalb nicht. Das verbietet schon irgendwie mein Stolz. Ich kann ja nicht mit wütendem Gesichtsausdruck die Filiale stürmen, offen meine Messer wetzen – und dann lächeln! Ne, geht gar nicht.

Macht aber auch nichts. Bei der Post lächelt auch nie jemand.

“Nächster.” Blökt es hinter den Briefmarken hervor.
“Da.” Antworte ich und reiche die blaue Karte.
“Häh?” Grunzt der Postalien. “Wie heißen se?”
“Wortteufel.” Belle ich.
“Ah, sollte der Postzusteller das nächste Mal dazu schreiben.” Meckert die Frau in blau. “Und zwar so, dass ichs lesen kann. Nicht so, wie das hier.”

Kurz überlege ich, ob das ein Jobangebot der Post ist. Ob ich nun engagiert wurde, Mitarbeitergespräche mit Postzustellern zu führen oder sie in Schönschreibkursen mit der Kalligraphie für unzustellbare Postsendungskärtchen vertraut zu machen.

Ich spar mir die Nachfrage, als sie mir wortlos einen braunen A4-Umschlag über den Tresen zuschiebt, schnappe mir das Ding und verlasse die Filiale.

Draußen scheint die Sonne. Der Himmel ist blau, nur einige kleine lustige Schafwölkchen tanzen einen langsamen Walzer. Die Luft ist gut. Warm. Ich höre ein paar Vögel, die im Baum gegenüber wahrscheinlich über die Menschen hier unten lästern. Ich bleibe stehen. Rieche den Duft von frischen Brötchen aus der Bäckerei. Atme tief durch. Und blicke aufs Päckchen.

“Wortteufel” steht da drauf. “Von Ehefrau”.

Ich springe die Stufen den Berg hoch, fliege in die Wohnung und öffne den Umschlag:

Boah. Ich greife zum Telefon, völlig platt und überwältigt. Wähle die Nummer vom Wortteufelmann. Es klingelt. Es klingelt! Er geht ran. Das Telefon funktioniert wieder! Es funktioniert!

Ich fahre den Rechner hoch, Posteingang – banges Warten. Neue Mails im Posteingang! Es funktioniert! Alles!

Liebe Ehefrau! You made my day! Du bist die Retterin dieses Tages. Du hast es geschafft, dass meine Laune oben ist und Kadda ihren Päckcheninhalt behalten kann :D Du bist bestimmt auch die Retterin der Telefonleitung! Du bist eine Zauberin!

DANKE :) (Boah, geil! Ich freu mich tierisch!) Tja, was so alles aus einem Tag werden kann, der so anfängt…