Eine Email prankte in meinem Posteingang, deren Inhalt mir den Weg zur geistigen Erleuchtung weisen wollte. Via geistiger Kommunikation sollte ich ein harmonischeres Miteinander lernen.

In Kursen solle ich die Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation erlangen, mit Tieren und Menschen. Meine Wahrnehmung solle sensibilisiert werden für die Gedanken meiner Mitmenschen, meiner Familie. Denn schon die Naturvölker hätten sich auf diese Art und Weise über tausende Kilometer hinweg miteinander verständigt.

Jetzt sitze ich hier und frage mich, ob ich das will.

Eigentlich reichen mir Telefon und Internet. Und gelegentliche Besuche. Allein die Vorstellung, ich müsse meine Schwiegermutter noch neben den wöchentlichen Gesprächen beim Mittagesse ertragen, macht mir Bauchschmerzen und bringt mich nahe an den seelischen Super-GAU.

Und das dann auch noch in Kombination mit meiner eigenen Familie? Oder irgendwelchen Leute, die ich seit Jahren gewissentlich ignoriere und froh bin, sie aus meinem Geist entfernt zu haben?

Ich stelle mir das so vor: da sitze ich nichtsahnend bei Wurstbrötchen und Kaffee am Frühstückstisch – und die Bekannte mit dem Veganerhau versucht mir telepathisch meine Wurst vom Brötchen zu babbeln. Neee, danke. Da behalte ich lieber meine Wurst und verzichte auf die Telepathie.

Und was mir in diesem Zusammenhang noch nicht ganz klar ist: Wenn doch die Naturvölker über tausende Kilometer voneinander entfernt miteinander in regem geistigen Austausch waren, warum haben dann die einen mehr Fähigkeiten, als die anderen? Haben die sich womöglich geistig belogen? Den anderen Stammesvölkern tolle Ideen und Erfindungen einfach verschwiegen, um sie nur für sich alleine zu haben? Fiese Sache, das.

Ist das erstrebenswert?

Schon eher erstrebenswert erscheint mir da eine weitere Fähigkeit, die vermittelt werden soll: sich selber heilen. Ich soll mich gesund denken. Das ist die Lösung! Für alles! Ich denke mich einfach gesund. Keine Medikamente mehr, keine Schmerzen. Krankheit entsteht im Kopf… Wo auch sonst. In den Zellen vielleicht? In den Genen? Ach, Quatsch. Alles pure Einbildung. Tja, und wer nach den Gesprächen und Workshops noch immer unter der fiesen Allergie leidet, immer noch Asthma hat oder unter Schizophrenie leidet, der wollte halt einfach nicht. Der wollte sich einfach nicht selbst heilen. Der scheint sich mit seiner Krankheit sicher wohl zu fühlen. Und so basteln sich die Gläubigen dieser sündhaft teuren Erlebniswochenenden einen weiteren Beweis für die Wirksamkeit dieses Glaubensansatzes.

Ich werde wohl lieber was gegen die Erdstörfelder unternehmen. Mich schützen. Denn die sind ganz fies und haben was gegen mein inneres Gleichgewicht. Die machen krank. Diese Erdstörfelder.

Aber Moment.. Wenn Erdstörfelder krank machen, aber Krankheit erst im Kopf entsteht, wie passt das zusammen? Und wieso sollte ich einen Kurs belegen, der mir sagt, wie ich mich gegen Erdstörfelder schützen kann, wenn ich doch einfach nur erlernen muss, mich selbst zu heilen? Und wieso muss ich da überhaupt an dem Kurs teilnehmen? Blödsinn! Ich nehme nur an dem Kurs zur Erlernung der Telephatie teil, dann kann ich mich telephatisch und ohne Bezahlung in die anderen Kurse einschleichen. Direkt in die Köpfe. Über tausende Kilometer hinweg. Ich muss nicht mal hinfahren. Super!

Und wenn ich dann in den Köpfen der Veranstalter drin bin, hinterlasse ich gleich mal einen dicken Haufen. Und guck mir das mal aus der Ferne an, wie die sich dann von dem Haufen Scheiße im Hirn selbst versuchen zu heilen.

Zum Schluss mach ich dann den Kurs für die Erfüllung meiner Wünsche mit. In dem Kurs wird mit Hilfe der Kraft aller Teilnehmer der Wunsch jedes Einzelnen ins Universum gesendet. Und durch die Kraftverstärkung der Wünsche gehen die dann auch in Erfüllung.

Ich wünsch mir dann, dass der Typ, der die “Selbstheilungskurse” gibt, sich nicht von meiner in seinem Hirn hinterlassenen Scheiße kurieren kann… Mal gucken, was passiert :D